Die anderen dürfen es ruhig sehen. Ich bin seine Schülerin. Nicht nur die Beraterin für Kultur und Tourismus in der zauberhaften Stadt Odessa. Nein auch eine, die etwas von Musik versteht, die in Gießen Musikwissenschaften studiert hat, bei Rolf Bissinger in Frankfurt die besten Flötentöne ihres Lebens zu produzieren gelernt hat. Jetzt ist Wasilij dran. Er muss zurechtbiegen, was sich, bedingt durch lange Pausen, an Fehlhaltungen eingeschlichen hat. Ruhig und freundlich hat er immer ein aufbauendes Wort parat. Und er spielt mit mir im Duett. Das hilft. Sein Unterrichtsraum befindet sich im Keller des Konservatoriums. In den Herbst- und Wintermonaten riecht es dort leicht modrig. Es wird nicht genug geheizt. Im Sommer ist es stickig. Die Luft wird nur ein kleines Kellerfenster ausgetauscht, das über dem Kopf zur Straße hinausgeht. Vom Gang her dringen ständig die Tonleitern und Etüden übender Studenten in den kleinen Raum: Saxophon, Horn, Posaune, manchmal Schlagzeug. Drinnen steht ein Klavier. Es gibt ein paar Stühle, einen Tisch. Der Notenständer aus Holz ist alt und wacklig, kaum richtig zu regulieren. Aber für die Übungen, die mir Wasilij abverlangt, spielt das zunächst keine Rolle. Er erinnert mich immer wieder daran, wie ich zu atmen habe und hilft, die Stressfaktoren in Odessa für die Zeit des Unterrichts zu vergessen. Also schiebe ich sie kurz beiseite, die Schwierigkeiten beim Umgang mit den ukrainischen Behörden in meinem Job als Kulturberaterin und die Probleme mit Partnern, die häufig keine sind.
Bis er als Lehrer ans Konservatorium kam, wo seine Frau Dekanin ist, war Wasilij führender Flötist im Opernorchester in Odessa. Aber die Oper, dieses wunderschöne Haus in dieser zauberhaften Stadt ist ein leidiges Thema ohne Ende. Wenn wir anfangen darüber zu sprechen, kommen wir kaum los davon. Vor drei Jahren wurde das 1884 von den österreichischen Architekten Fellner und Helmer geplante Theater nach zwölfjähriger Renovierung wieder eröffnet. Korruption und Intrigen um die Leitung und damit um die Macht blockieren dessen künstlerische Entwicklung. Es gibt kein abwechslungsreiches Repertoire und keinen langfristigen Spielplan. Einem deutschen Regisseur hat man das Haus verboten, weil er sich dagegen gewehrt hat, dass die von ihm besetzten Hauptrollen plötzlich andere singen sollten. Er war nach Odessa eingeladen worden, um Puccinis Oper „Turandot“ zu inszenieren. Die Einladung an sich war schon ein Novum. Denn schon bald zwei Jahrzehnte hat man in Odessa keine Gastregisseure oder Gastdirigenten auf die Bühne oder in den Orchestergraben gelassen. Sie hätten vielleicht zuviel von den Intrigen und dem Morast hinter den Kulissen merken können. Etwa, dass Sängerinnen und Sänger größere Summen Geldes bezahlen müssen, um überhaupt auftreten zu dürfen ...
Wir bedauern, jammern, schimpfen über die Situation und spielen wieder. Mozart ist dran, die Duette seiner Opern für Flöte bearbeitet. Ich habe sie aus Deutschland mitgebracht. Noten sind nämlich rar in Odessa und vor allem die für Querflötenensemble. Immer wieder bittet mich Wasja (das ist Kurzform seines Namens), bestimmte Noten für seine Flötenklasse mitzubringen. Seit er nicht mehr an der Oper spielt, liegt sein ganzes Augenmerk auf der musikalischen und flötistischen Entwicklung der jungen Leute, die zu ihm kommen. Und es werden immer mehr. Das Konservatorium scheint manchmal aus allen Nähten zu platzen. Die Unterrichtsräume und Übezellen reichen nicht für alle. Das Gebäude wurde vor kurzem halbwegs renoviert. Um zu Geld zu kommen, hat man ein Auge zugedrückt, als sich die vielen jungen Chinesen vor ein paar Jahren in Odessa zum Musikstudium angemeldet haben.
Ansonsten sind Kontakte nach außen, nach Westeuropa, und die Möglichkeiten, sich mit anderen Flötisten auszutauschen, sehr begrenzt. Deshalb erfülle ich nach Möglichkeit Wasjas Wünsche: Noten für Flöte und Klavier, für zwei, vier und fünf Flöten. Einmal habe ich eine ganze Sammlung Klavierauszüge von Opern und Konzerten dem Konservatorium vermacht. Schließlich fühle ich mich Kultur und Musik und vor allem der Flöte verpflichtet. Manchmal darf ich sogar im C-Flötenquintett mitspielen. Und natürlich den guten alten Quantz wollte er haben. Ich habe das Buch besorgt. Jetzt wird damit gearbeitet. An Theobald Böhm als Komponisten hat Wasilij einen Narren gefressen. Viele Wünsche sind noch offen. Und natürlich fehlen moderne Tonaufnahmen. Einmal habe ich ihm alte Kassetten vom Auftritt des Flötenensembles „Bamboozle“, mitgebracht, die ich beim Flötenfestival in Frankfurt aufgenommen hatte. Seitdem ist er begeistert davon und möchte ebenfalls so ein Ensemble aufbauen. Indes, es fehlen nur die Instrumente dazu. Wir träumen schon lange von einem Flötenensemble in Odessa mit Piccolo Alt-, Bass- und Kontrabassflöte, von Meisterkursen, Flötenfestivals, Konzerten und vielem mehr …
Wir spielen weiter. Zwischendurch wird wieder ein bisschen philosophiert über Gott und die Welt. Dann gibt’s die nächste Lektion, das nächste Stück. Hin und wieder steckt eine seiner Schülerinnen oder ein Schüler den Kopf durch die Tür. Sie fragen nach, wann sie dran kommen. Wasilij vertröstete sie zu meinen Gunsten. Schließlich bin ich nicht immer da und habe nicht immer Zeit.
Wasilij und ich arbeiten uns an Cimarosa ab. Wir wollen das Werk irgendwann einmal zur Aufführung bringen. Ein Kammerorchester will Wasilij zusammentrommeln. Aber das kostet wieder Geld, denn umsonst spielt kein Musiker in Odessa mit. Also machen wir es einfacher und laden zunächst zum Hauskonzert in meine Odessaer Wohnung ein.
Es ist August und sehr heiß. Wir haben intensiv dafür geübt und Gäste eingeladen. Wasilijs Frau Aljona Stachowska, Sängerin und die Dekanin am Konservatorium ist dabei, der ideelle Musiksponsor Fürst Rakozy-Zyzak und andere. Unser Auftritt ist Schweiß treibend.
Und dann der große Moment: Wasilij erhält die Goldmedaille der „Vereinigung der Musikliebhaber“. Ich habe mir die Auszeichnung ausgedacht, eine Urkunde entworfen und ihm eine Goldmünze geschenkt. Geld für den Unterricht mit mir lehnt er nämlich kategorisch ab. Aber einen Orden hat er sich gewünscht für die Fortschritte, die ich bei ihm mache. Für die erste Etappe hat er ihn somit bekommen.
Die Ideen, was man in Odessa, dieser Supermusikstadt flötistisch und musikalisch alles machen könnte, gehen uns nicht aus. Allein die Mittel für deren Ausführung fehlen. Keine Noten, keine Instrumente, keine Kontakte zum Ausland. Das Konservatorium in Odessa pflegt eine Partnerschaft mit der Freiburger Musikhochschule. Professor Bernhard Wulff aus Freiburg ist der Ehrenpräsident des jedes Jahr in Odessa Ende April stattfindenden Festivals zeitgenössischer Musik „2 Tage und 2 Nächte“. Je nach Budgetlage und Sponsorengeldern findet alle zwei bis vier Jahre der internationale Emil Gilels Klavierwettbewerb statt; das Konservatorium führt den Neschdanowa-Gesangswettbewerb durch. Nur die Flötenklasse hat außer mir noch keine Freunde, Partner und Förderer. Ich werbe daher um Ihr Engagement!
Es lohnt sich, in der geschichtsträchtigen, bunten und außerordentlich quirligen Stadt Odessa einmal einige Tage zu verbringen, im Meer zu baden oder einfach nur von einem Restaurant zum anderen zu bummeln.
Wer sich engagieren möchte, etwa als Gastlehrer, mit Noten, als Sponsor oder Mäzen mit Geld oder Instrumenten, für Meisterkurse, Konzerte und ähnliches, meldet sich bitte entweder beim Konservatorium in Odessa direkt oder oder bei der Deutschen Gesellschaft für Flöte, Tel. 069/ 596 24 42, floete@floete.net oder hier über das Kontaktformular.
Das 1913 gegründete Konservatorium in Odessa befindet sich auf dem deutschen Hügel in Odessa, schräg gegenüber der deutsch-evangelisch-lutherischen Kirche. Es ist eines von fünfen in der Ukraine. Sie befinden sich außer in Odessa in den Städten Kiew, Lwiw, Charkiw und Donezk. Ihr Rang entspricht dem der Musikhochschulen in Deutschland. Vor einigen Jahren wurde das Odessaer Konservatorium in „Neschdanow Musikakademie“, umbenannt, nach der berühmten, aus Odessa stammenden Sängerin Antonina Wasiljewna Neschdanowa.
Musikakademie A.W. Neschdanowa
wul. Nowoselskoho 63
65023 Odessa / Ukraine
Telefon: +380/ 482/ 26 78 76, +380/ 48/ 777 37 96, +380/ 48/ 777 10 27
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